Ein Tag in Zehdenick – Besuch bei der Lebenshilfe und städtischen Wohnungsbaugesellschaft GeWo

Lebens-Raum-Entwicklung in Zehdenick

Am Mittwoch, den 18.08.2021, begann der Tag für mich mit einem Besuch und Gespräch bei der Lebenshilfe Oberhavel Nord e.V. auf ihrem Werkstattstandort Zehdenick. Gemeinsam mit dem Kernteam der Einrichtung, Herrn Albrecht Schütze, Herrn Steven Herfort und Frau Juliane Hennig sprach ich über die Arbeit des Vereins und die damit verbundenen Anliegen und Sorgen. In der Werkstatt vor Ort, bestehend aus einer Produktionswerkstatt, einer Großküche, einer Wäscherei, einer (Landschafts-)Gärtnerei, einem Förderbereich und dem Bistro am Bahnhof sind 230 Menschen mit Behinderung beschäftigt. In täglich 7 Stunden betreuter Arbeit kochen die Mitarbeitenden 1100 Essen für die örtlichen Schulen und sich, stellen Produkte von Winkelklemmen über Papppaletten bis hin zu Telefonbuchsen her und bauen in der Gärtnerei Zierpflanzen sowie Gemüse an, welches im Hofladen und an mobilen Verkaufsständen in Zehdenick verkauft wird.

 

Dabei ist die Lebenshilfe mit alltäglichen, aber auch ungewöhnlichen Herausforderungen konfrontiert. Während der Pandemie konfektionierten die in der Werkstatt Arbeitenden Covid-19 Testkits, weil reguläre Aufträge seitens der Autoindustrie wegbrachen, und im Bistro wurde auf Außerhaus-Verkauf umgestellt. Für die Mitarbeitenden war dies mitunter eine große Herausforderung, welche vom engagierten Team rund um Herrn Schütze hervorragend aufgefangen wurde.

 

Die der Besichtigung vorangegangene Diskussion drehte sich viel um die soziale und finanzielle Absicherung der von in der Werkstatt tätigen Menschen mit Behinderung. Das Ziel der Lebenshilfe vor Ort ist es Inklusion zu leben und ein Arbeitsumfeld zu bieten, welches ohne Druck für die Beschäftigten trotzdem Teilhabe und Erfolgserlebnisse ermöglicht. Dabei im Vordergrund stehen Lernerfahrungen, ein stabiles soziales Umfeld und die teilweise Inklusion in den ersten Arbeitsmarkt durch Praktika für jene, die sich das wünschen. Ein dabei bewegendes Thema, welches zuletzt oft diskutiert wurde, ist die Bezahlung der Menschen mit Behinderung auf Mindestlohnniveau. Der Einrichtungsleiter erklärt sehr schlüssig, dass dies durch seine Werkstatt, selbst wenn er will, nicht zu leisten wäre, da es einerseits einen extremen Preisdruck des Marktes für die Produkte gäbe und die Margen sich im Cent Bereich bewegen und andererseits die Menschen mit Behinderung dort Grundsicherung und Erwerbsminderungsrente erhielten, die damit verrechnet würde und letzten Endes einen finanziellen Nachteil für die Beschäftigten bedeuten würde. Stattdessen hat man sich in Zehdenick für ein Taschengeld-Konzept entschieden, welches für die Mitarbeitenden mit Behinderung und den Verein gleichermaßen befriedigend ist. Es war sehr spannend diese Perspektive zu hören, in der ein Mindestlohn von 12€ einen Nachteil, anstatt einen Vorteil darstellt.

 

Ein erhellender und freudvoller Besuch, der die Vielfalt der Möglichkeiten von Förderung und Inklusion für Menschen mit Behinderung in meinem Bewusstsein erweitert und in ein anderes Licht gerückt hat. Ich bedanke mich beim Team für den freundlichen Empfang, das offene Gespräch und die schöne Führung! Produktion und Pädagogik zu vereinen, gelingt hier meisterhaft.

 

Im Anschluss ging es für mich und den Genossen Manfred Rissmann zum Gespräch mit dem Geschäftsführer der GeWo (Gebäude- und Wohnungswirtschaft GmbH Zehdenick), Dirk Erlecke. Wir sprachen über die Herausforderungen des Zehdenicker Wohnungsmarktes und die damit verbundenen Zukunftsperspektiven. Ich habe gelernt, dass auch in Zehdenick Wohnen zunehmend teurer wird und sich vor allen Dingen die Bedürfnisse der Mietenden verändern: der Bedarf nach altersgerechtem Wohnraum wird zunehmend größer. Daher bemüht sich die GeWo darum diesen bereitzustellen und macht tolle Fortschritte, indem sie es in ihren Sanierungsvorgaben zu berücksichtigen. Überhaupt hat die GeWo es geschafft als Unternehmen ihren CO2 Abdruck durch Sanierungen im Vergleich zu den Werten von 1990 um 77% zu senken. Weiter so! Allerdings steht man in Zehdenick bzw. der gesamten Baubranche vor ebenso großen Herausforderungen, insbesondere was nachhaltiges Bauen angeht: aufgrund der aktuell sehr hohen und schwankenden Rohstoffpreise für Holz und Sand etc, ist es schwierig langfristig zu planen und zu investieren. Auch seien laut Herrn Erlecke die Mietenden nicht bereit für nachhaltig gebaute Gebäude mehr Miete zu zahlen. Meiner Meinung nach muss die Politik hier unterstützend eingreifen und beide Parteien so unterstützen, dass nachhaltig Wohnen kein Trend bleibt, sondern zum Standard wird. Gleiches gilt für die notwendigen Infrastrukturmaßnahmen, um Orte wie Zehdenick besser anzubinden und damit zu attraktiveren Wohnorten zu machen, denn hier verbindet sich das beste beider Welten: Landleben und urbane Strukturen.

Vielen Dank an die GeWo und Herrn Erlecke für die Einblicke. Der neue Input hat mich in meiner Überzeugung weiter bestärkt: Bezahlbarer Wohnraum darf keine Zukunftsmusik bleiben!

#TeamAriane

Mach mit als
Unterstützer – Partner – Sponsor