Gendergerechtigkeit

Mehr Arbeit für weniger Bezahlung?
closeup of a young caucasian woman in the street showing a piece of paper with a symbol for gender equality drawn in it; Shutterstock ID 700077655; Projektnummer: 700077655; Projekt: ASF_Flyer; Bestellt durch: Produktion; Weitere Informationen: Motiv Parität

Ihre Leistung für die Gesellschaft benachteiligt Frauen

Frauen leisten signifikant mehr in der und für die Gesellschaft und damit mittelbar auch für die Wirtschaft als sich das in Entgelt, Versorgungsanspruch und Anerkennung widerspiegelt. Sie leisten täglich 4,5 Stunden unbezahlte Arbeit für Familie, Angehörige, Verein und Ehrenamt. Um das zu schaffen, arbeiten sie Teilzeit. Deshalb haben sie signifikant weniger Einkommen und Rente. Corona hat uns diese Schieflage einmal mehr verdeutlicht. 

 

Wir müssen die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Karriere für beide Geschlechter überdenken. Ein Quote für Führungspositionen kann ein Baustein sein.

 

Steuerpolitisch fördert das Ehegattensplitting das „Ernährer-Modell“, das eine Karriere begünstigt und die andere bremst – die klassische Rollenaufteilung. Wenn das Netto-Einkommen der i.d.R. weniger verdienende Partnerin gerade so für den Kitaplatz reicht, lohnt sich das Arbeiten nicht. Somit wird der strukturelle Nachteil von Frauen, dass ihre traditionellen Berufsfelder schlechter bezahlt werden, weiter durch spätere Teilzeit und weniger Rente durch das Ehegattensplitting zementiert. Liberaler, demokratischer, gerechter, somit richtiger wäre also ein Familiensplitting, das Familien mit Kindern fördert, egal für welches Lebensmodell die Familie sich entscheidet.

Deutschland gehört in Europa zu den Schlusslichtern der gendergerechten Bezahlung. Frauen erhalten trotz besserer Voraussetzungen beim Berufseinstieg im Durchschnitt fast 20 % weniger Gehalt – weil sie sich nach wie vor zwischen Kindern und Karriere entscheiden müssen. Wie kann man das ändern? 

 

Der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen beträgt in Deutschland branchen- und regionenabhängig bis zu 37 %, im Mittel knapp 20 %. Im Vergleich der Europäischen Union ist Deutschland somit Vorletzter in der Geschlechtergerechtigkeit bei der Bezahlung. Es folgt nur noch Estland.

Nach Studien arbeiten Frauen im Schnitt 55 Stunden in der Woche, Männer hingegen 49 Stunden. Frauen leisten neben dem Beruf täglich im Schnitt 4,5 Stunden unbezahlte Arbeit in Haushalt, Familie mit Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen oder für Vereins- oder Wohltätigkeitsarbeit.

 

Unter den Berufseinsteigern sind mehr Frauen und diese sind gleichzeitig höher qualifiziert als die Männer. Über 60 % der Frauen im Alter zwischen 25 und 50 Jahren sind aufgrund der Familiensituation jedoch in Teilzeit beschäftigt. Deswegen sind sie mittel- und langfristig von Karriere- und Einkommensentwicklung abgekoppelt. Das führt dauerhaft zu geringeren Einkommen und Altersbezügen.

 

Darüber hinaus sind Frauen überdurchschnittlich häufig in Branchen beschäftigt, in denen die Entgelte besonders niedrig sind und Frauen bei gleicher Tätigkeit weniger verdienen. Warum sind ein Industriearbeiter und eine Pflegekraft unterschiedlich bezahlt, obwohl die Pflegekraft der höheren körperlichen und psychischen Belastung standhält? Warum verdient eine Industriearbeiterin wesentlich mehr als eine Pflegekraft, aber signifikant weniger als ein Mann im selben Betrieb? Weil das eine eben traditionell ein Frauen- und das andere ein Männerberuf ist.

Mit dem #Lebensleistungskonto wäre ein Grundstein gelegt, die gesellschaftliche Arbeit von Frauen einkommens- und rentenrelevant anzuerkennen. Gleichzeitig bedarf es einer grundsätzlichen Neubewertung von branchenspezifischen Entgelten. Grundlage müssen die Qualifikation, das benötigte Fachwissen und das Maß der physischen und psychischen Beanspruchung sein.

 

Eine anspruchsvolle Arbeit ist nicht nur eine technische Arbeit oder die Kopfarbeit, der ein Studium vorausging! Wer beispielsweise körperlich schwer arbeitet, wird voraussichtlich weniger lange arbeiten können und braucht daher ein höheres Einkommen, um für den früheren Renteneintritt vorsorgen zu können. Oder es muss für solche Berufsgruppen im #Lebensleistungskonto einen höheren Berechnungsfaktor für die Altersbezüge geben.

Noch ein Grund für #Lebensleistungskonto: Frauen stoßen aufgrund der oben genannten Faktoren sehr oft früh an Grenzen der Einkommensentwicklung. Allermeist – und das finde ich höchst ungerecht – weil sie einen Großteil der Kindererziehung leisten. Dabei sind es ihre Kinder, die später beim jetzigen Umlagesystem die Renten erwirtschaften. Die Kinderlosen erhalten dabei die deutlich höheren Renten, weil sie in ihrem Erwerbsleben ohne Rücksicht auf Kinder viel mehr Geld verdienen konnten, das sie sie für sich (Konsum, Reisen, Vermögensbildung), die eigene Verwirklichung oder die eigene Vorsorge verwenden konnten – d.h. Nutznießer der gesellschaftlichen Leistung der kindererziehenden Frau sind andere als die Frau selbst. Sie ist als Dank für ihre Leistung viel zu oft von Altersarmut bedroht, besonders, wenn sie alleinerziehend war…

 

Die Grundrente ist hier bereits ein richtiger Schritt – aber da können wir mehr!

Wussten Sie, dass es in deutschen Vorständen wesentlich mehr Männer mit dem Namen Thomas gibt als Frauen?

Menschen tendieren dazu, als Nachwuchs diejenigen zu fördern, die sie an sich selbst in jungen Jahren erinnern. Nur natürlich eine etwas mittelmäßigere Ausgabe als man selbst, um die eigene Position nicht zu gefährden. Das belegen Studien. Insofern fördern Männer ohne böse Absicht insbesondere Männer.

 

Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund haben keine Mentoren, die sie nachziehen. Deshalb sind sie in anonymisierten Bewerbungsverfahren häufig erfolgreicher als wenn Geschlecht und ausländisch klingender Name bekannt sind. 

 

Somit hat die überdurchschnittlich gute Karriereentwicklung von Männern meist weniger mit Qualifikation als einerseits mit Psychologie andererseits aber auch einer strukturellen Benachteiligung zu tun. Die Arbeitswelt ist in ihren Abläufen noch vielfach sehr auf das 50er Jahre-Modell ausgelegt. Das ist ein männliches Ernährer-Modell, in dem Kinder, zu pflegende Angehörige und Ehrenämter nicht vorkommen. Es beginnt mit der Uhrzeit und Dauer einer Besprechung, über die Erwägung, wer die Chance für eine Leitungsfunktion bekommen soll, weil eine Frau selbstverständlich in der Personalplanung des Unternehmens mit dem „Familien-Ausfallrisiko“ betrachtet wird. Das entkoppelt sie von nächsten Karriereschritten verbunden mit einer geringeren Einkommensentwicklung.

 

Gleichzeitig ist untersucht, dass ausgewogen gemischte Teams kreativer und produktiver arbeiten. Hochrechnungen zeigen: Ohne Quote für Frauen in Führungspositionen würde es eine ausgewogene Geschlechterbilanz in Leitungsstellen erst in 40 Jahren geben.