Berufsstand macht sich für Qualifizierungsstandards und mehr Kompetenzen stark

Starke Stimme für starke Pflege

Politik kann nur so gut sein, wie sie Kenntnis davon hat, was an der Basis gebraucht wird. Diese Basis bildeten in Ariane Fäschers jüngstem „HavelClub“ Fachleute aus Pflegeberufen.

 

Alles scheint doch auf dem besten Weg: Das Pflegeberufegesetz steht seit 2020 am Beginn seiner Umsetzung. In Brandenburg schrieben sich SPD, CDU und Bündnisgrüne Ende 2019 einen 22 Millionen Euro schweren Pakt für Pflege mit vier Säulen in den Koalitionsvertrag. Einige dieser Säulen werden inzwischen errichtet, so die sogenannte Fachpflege im Quartier, um eine bessere Vernetzung anzubieten, und Pflegestützpunkte zur Information für Betroffene und Angehörige. Denn mehr als 80 Prozent der 4,1 Millionen Pflegebedürftigen werden zu Hause von Angehörigen gepflegt, ohne oder mit Unterstützung durch professionelle Pflegekräfte. Durch den Bund wurden 13.000 zusätzliche Stellen geschaffen. Tarifangleichung Ost und West und deutliche Entgeltsteigerungen sind gesichert. Pflegende Angehörige werden erst ab einer Einkommensgrenze von mehr als 100.000 Euro zur Zuzahlung herangezogen. Auch im Zukunftsprogramm der SPD für die kommende Legislaturperiode der Bundesregierung nehmen die Gesundheitsthemen breiten Raum ein. Niemand soll Angst haben müssen, im Alter oder im Krankheitsfall nicht ausreichend versorgt zu sein.

 

Dennoch müssen Wichtigkeit und Wert von Pflege für unsere Gesellschaft immer noch sichtbarer werden. Die ständige Überbelastung in der Corona-Pandemie hat gezeigt, wie dringend Verbesserungen nötig sind. „Systemrelevanz“ muss mehr sein als ein Wort. Klatschen auf dem Balkon als Wertschätzung reicht nicht aus, und auch der „Tag der Pflege“ am 12. Mai kann nur einer von 365 Tagen sein, an denen die täglichen Probleme dieses riesigen Bereiches nicht aus dem Blick geraten dürfen. Warum sollte ein Job in der Pflege eigentlich weniger wert sein als ein Industriearbeitsplatz?

 

Ein auskömmliches Gehalt ist nötig, um die Balance zwischen Arbeit und Leben herzustellen. Aber Geld ist auch nicht alles. Gutes Betriebsklima und eigenverantwortliches Handeln gehören dazu. Das haben Fachleute im Gespräch mit Direktkandidatin Fäscher sowie dem SPD-Landtagsabgeordneten Björn Lüttmann, der Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit, Soziales, Integration und Verbraucherschutz im Brandenburger Landtag ist, in dem digitalen Gespräch betont.

 

Stichwort „Renditebegrenzung“: Zu den Mängeln des Gesundheitssystems gehöre, dass Gelder, die aus Steuern, von den gesetzlichen Versicherungen und den privaten Zuzahlungen für Pflege zum Teil nicht in die Pflegeleistungen und Mitarbeitergehälter investiert werde, sondern bei Investoren in  Krankenhaushauskonzernen oder Pflegeheimketten lande, erklärte Bettina Nowakowski vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe DBfK-Nordost. „Es ist ein Fehler im System, das da Geld in Kanäle fließt, für die es nicht gedacht ist.“ Richard Staar, Pflegedienstleiter der drei Oberhavel-Kliniken und kaufmännischer Leiter der klinikeigenen Pflegeschule Argus-Akademie, weist am Beispiel der für die Krankenhäuser wichtigen Berufsgruppe der Pflegehilfskräfte darauf hin, dass Pflegeleistungen gleichzeitig nicht refinanziert und so über andere Einnahmen in der Klinik mitfinanziert werden müssen.

 

Die Pflege brauche eine eigene Stimme in der Politik, forderte Bettina Nowakowski. „Darüber, was Pflegende machen dürfen, entscheiden zu oft Betriebswirte oder Ärzte.“ Selbst Wundversorgungs- und Inkontinenzmaterial müsse vom Arzt verordnet werden, obwohl der den jeweiligen Patienten so genau gar nicht kenne. Nowakowski sprach sich für das Prinzip „Gemeindeschwester“ aus. Als speziell ausgebildete Pflegeexpertinnen könnten sogenannte Community Health Nurses viel mehr sein als Pflegende vor Ort, so Nowakowski – ein Modell mit dem sich auch Björn Lüttmann insbesondere im ländlichen Raum und in Verbindung mit Schulschwestern befassen wird. Der DBfK-Nordost befürwortet zudem eine Pflegekammer, eine eigene Berufskammer für die Vertretung der Belange der Pflegeberufe.

 

Sowohl Bettina Nowakowski als auch Richard Staar mahnten grundsätzlich einen dringenden Regelungsbedarf bei den Ausbildungsgängen an. So gibt es noch keine bundesweit einheitliche Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen für den Beruf der Pflegehilfskraft, und damit auch die „Aufstiegsdurchlässigkeit“, d.h. Qualifizierung und Aufstieg innerhalb des Berufslebens, müsse verbessert werden. Einige Pflegeassistenten absolvierten einen 400-Stunden-Basiskurs, andere nur 200 Stunden, und auch dies sei nur eine Empfehlung, so Richard Staar. „Das ist dann auch eine rechtliche Grauzone, welche Leistungen sie erbringen dürfen und welche nicht.“ Er hoffe, dass mit der Neuregelung der Ausbildung das Berufsbild „Pflegeassistent“ offiziell eingeführt werde, so Staar. Die Definition, was Pflegehilfskräfte können müssen, sei immens wichtig, bestätigte Bettina Nowakowski. „Es gibt viele Beobachtungen, die während einer scheinbar einfachen Pflegebehandlung gemacht werden, zum Beispiel ein beginnendes Wundliegen. Das muss aber auch erkannt werden.“ Für den Pflege-Verband hängt Wertschätzung für den Beruf aber auch sehr eng mit einer Kompetenz-Neuverteilung zusammen. Nur wenn klar sei, welche Ausbildung welche Qualifikation mit sich bringt, könne auch Kompetenz zwischen Arzt, Pflegefachkraft und Assistenz neu geregelt werden.

 

Trotz einiger Fortschritte bleiben ambulante wie stationäre Pflege drängende Themen. Einiges hat sich Ariane Fäscher ins Pflichtenheft für ihre politische Arbeit geschrieben: darunter ein anerkanntes Stufenmodell in der Ausbildung und eine bessere Vergleichbarkeit der Ausbildung. Die käme im Übrigen auch den dringend benötigten Fachkräften aus dem Ausland zu Gute. Denn sie haben oft Abschlüsse, die in Deutschland nicht anerkannt werden.

 

Der HavelClub ist ein Online-Forum zum Austausch zwischen Politik, Fachkräften und der interessierten Öffentlichkeit. In der nächsten Ausgabe am 1. Juni ist Kathrin Schneider, Ministerin und Chefin der Staatskanzlei des Landes Brandenburg und stellvertretendes Mitglied des Bundesrates. Im Schwerpunkt sind die Themen Infrastrukturentwicklung insbesondere im ländlichen Raum und Gleichstellung geplant.

 

Foto: colourbox